Jan Ackermann 11c
Anatoli Karpow gegen Garri Kasparow. Wieder einmal standen sich zwei sowjetische Großmeister gegenüber, um den Weltmeister Titel unter sich auszumachen. Und dennoch ging es wieder einmal nicht nur um den Weltmeistertitel, sondern vielmehr um einen radikalen politischen Umschwung der Sowjetunion. Denn Kasparow musste sich nicht nur Karpow stellen, sondern auch den Intrigen und Sabotagen des Staatsystems. Doch beginnen wir ganz von vorne.
Nachdem Fischer sich weigerte, gegen Karpow bei der Weltmeisterschaft 1975 anzutreten, wurde Karpow kampflos zum Weltmeister gekrönt. Und das war der Sowjetunion mehr als recht. Er war das Vorzeigebild der ganzen Nation: Schlau, zurückhaltend, freundlich, ein Systemling und zusätzlich ein geniales Schach-Genie. Karpow und Kasparow trafen erstmals beim Turnier der Großmeister im Jahr 1981 in Moskau aufeinander. Kasparow war zu diesem Zeitpunkt erst 18 Jahre alt und war schon unter seinem Pseudonym „Beast von Baku“ gefürchtet. Das kam durch seine animalische Art. Er starrte seine Gegner während der Partie an und setzte sie so psychisch weiter unter Druck. Er wollte gewinnen und das ließ er seine Gegner sehr deutlich spüren. Seine Kindheit war von Schach dominiert. Garik Kimovich Weinstein wurde am 13 April 1963 geboren, änderte aber später seinen Namen in Garri Kasparow, weil es im Sowjetischen Spitzensportsystem besser war, unter russischem statt jüdischen Namen anzutreten. Er gewann in seinen jungen Jahren fast alle Turniere seiner Altersklasse und war damals schon ein zukünftiger Anwärter auf den Weltmeistertitel. Zurück zum Turnier der Großmeister: Kasparow schlägt alle Großmeister bis auf einen. In seiner letzten über Sieg oder Niederlage entscheidenden Partie verlor er gegen Karpow. Nur den 2. Platz erreicht zu haben lässt ihn weiter und immer härter trainieren. Bis zu 12 Stunden am Tag verbrachte er nur mit dem Schachbrett.
Doch dann der Schock: Bei einem wichtigen jugoslawischen Turnier war er nicht eingeladen. Das ist für ihn der Beweis, dass es in diesem System mehr braucht als ein guter, oder sogar der beste Schach Spieler zu sein. Er wurde mit der Begründung abgelehnt, dass es bereits einen Weltmeister gibt: Anatoli Karpow. Kasparow wandte sich also an einen Freund, den er 3 Jahre zuvor getroffen hatte. Ein Freund, der glücklicherweise ein hochrangiger Politiker war und es mit einem einzigen Anruf bewerkstelligte, Kasparow mitspielen zu lassen. Kasparow gewinnt das Turnier ohne eine einzige Niederlage.
Nachdem er auch das Kandidatenturnier wieder ohne eine einzige Niederlage mit 8½ zu 4½ gewann und sich damit äußerst erfolgreich für die Weltmeisterschaft qualifizierte, trat er im selben Jahr gegen Karpow an. Wer als erstes 6 Siege erzielte, gewann. Karpow dominiert den Anfang überragend. Erst steht es 1-0, dann 2-0, 3-0 und nach den ersten 9 Partien sogar 4-0. Kasparow schlägt unerwartet mit 17 Remis zurück, verliert aber tragischerweise das 27. Spiel, was den Stand 5-0 macht. Ein Vorsprung, der eigentlich nicht mehr einholbar sein sollte. Doch je länger das Spiel dauerte, desto mehr Chancen bekam Kasparow. Die Ausdauer des Beasts von Baku war erstaunlich: Es folgt eine Remis-Serie von 5 Partien und er gewinnt sein erstes Spiel. Es folgen weitere 17 Remis. Dann gewinnt er unerwartet das zweite und direkt darauf auch schließlich sein drittes Spiel! 5-3: Wie ein verletztes Tier wehrte er sich und schaffte es, weiterzukämpfen. Die Weltmeisterschaft zog sich bisher auf 48 Partien in 5 Monaten. Karpow war so angestrengt, dass er in dieser Zeit 10 Kilogramm abnahm.
Aber plötzlich geschah etwas, was beweisen sollte, dass dieses Match mehr war als eine normale Schachmeisterschaft. Der Präsident des Internationalen Schachverbands erklärte das Match für beendet, ohne Ergebnis, aus Sorge um die Gesundheit der Spieler. Wer hatte das angeordnet? Moskau, das nicht wollte, das ihr größter Propagandaerfolg in dieser Krisenzeit entthront wurde. Die veraltete Schwerindustrie, das an der Wirtschaft zehrende Raumfahrtprogramm, das war das, was die regierende Elite ausbaden musste. Und in dieser Zeit einen Systemrebellen, nein, sogar einen Systemgegner gewinnen zu lassen, war nicht verzeihbar. Denn, obwohl Kasparow immer noch hinten lag, hätte er tatsächlich gewinnen können. Nach diesem plötzlichen Ende hielt Kasparow voller Wut eine Rede in der er sowohl die Schach-Führungsspitze als auch das politische System an sich kritisierte. Das hätte ihn den Kopf kosten können, aber ein politischer Wandel rettete ihn indirekt.
Gorbatschow gelangte an die Macht und Kasparow war sein Symbol für einen Neuanfang. Nach sieben Monaten wurde das Match wiederholt, aber diesmal war der Modus ein best aus 24, um zu vermeiden, dass die Weltmeisterschaft wieder eine halbe Ewigkeit dauert. Ein Modus, der bis heute so gespielt wird. Direkt die erste Partie gewann Kasparow überzeugend! Und am Ende vernichtete er Karpow mit einem knappen, aber eindeutigem 13:11. Das ende einer Ära. Und das Ende des alten sowjetischen Systems. Kasparow hatte es geschafft, er war der jüngste Weltmeister jemals.
Ein Jahr später gewährte der internationale Schachverband Karpow eine Revanche. 12 Spiele in London und 12 in Leningrad: ein Ort, der Kasparow einschüchtern sollte. Nach der ersten Hälfte des Matches hatte Kasparow einen Punkt Vorsprung, doch das änderte sich in der zweiten drastisch. Kasparow verlor drei Partien in Folge. Etwas, was ihm noch nie passiert war. Ein harter Schlag für den Weltmeister. Er bekam aber das Gefühl nicht los, dass egal welche Eröffnungen er studiert hatte, Karpow darauf vorbereit war. Egal wie überraschend sie auch sein mochten, Karpow wusste Bescheid. Es musste also einen Spitzel im eigenen Team geben. Er feuerte einen seiner Trainer und die Probleme hörten abrupt auf. Er gewann sehr knapp mit 12½ zu 11½ und blieb damit Weltmeister.
1990 setzte sich Anatoli Karpow wieder beim Kandidatenturnier durch und es kam zum dritten Wettstreit der beiden. Kasparow versuchte, sich so gut wie möglich von Karpow und der alten UDSSR abzusetzen. Während Karpow sich als Stuhl einen 5000 Dollar Luxus Sessel wünschte, wollte Kasparow nichts, worin er bequem sitzen konnte, er sei schließlich nicht zum Einschlafen hier. Er bekam einen Stuhl aus einem Gebrauchtwarengeschäft, der eigentlich wegen eines abnormal schlechten Zustandes weggeschmissen werden sollte. Und noch etwas tat er anders. Statt unter Sowjetischer Flagge trat er unter der Russischen an. Ein eindeutiges politisches Zeichen. Das Ergebnis: 12:12, so knapp wie noch nie. Doch bei einem unentschieden bleibt der aktuelle Weltmeister an der Spitze. So hielt er den Titel immer noch fest in der Hand.
Ein paar Monate später fällt die Sowjetunion. Als dann 2007 Putin an die Macht kommt und Kasparows 15-jährige Alleinherrschaft durch Wladimir Kramnik im Jahr 2000 gebrochen wurde, organisierte Kasparow Protestmärsche gegen Putin. Sein innerer Rebell lebte weiter und gab nicht nach. Auch im Politischen. Und was macht dieses Regime? Es sperrt ihn für 5 Tage Weg. Aus Angst, vergiftet zu werden, aß er nichts, was ihm angeboten wurde. Denn es wäre nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass Putins Regime Gegner ausgeschaltet hätte. Doch es taucht jemand auf, um ihm heldenhaft etwas zu essen zu bringen. Sein Erzfeind Anatoli Karpov. Ein Zeichen des Respekts und der Hassliebe, die beide teilten. Wieder aus der Haft entlassen, kandidierte er sogar als Präsident, musste aber aus Russland vor Putin und dem russischen System flüchten.
Vielen Dank fürs Lesen! Solltet ihr jetzt auch Lust bekommen haben Schach zu spielen könnt ihr gerne montags in der 7. Und 8. Stunde in Raum C1 bei der Schach AG vorbeikommen. Jeder ist willkommen! Jetzt wünsche ich euch aber erstmal schöne Weihnachtsferien (:


