Jan Ackermann 11c
Betrug ist wohl das Schlimmste, was man einem Sportler vorwerfen kann. Dieses kleine Wort beendet Karrieren, zerschmettert den guten Ruf und vernichtet Vorbilder. Einst gefeierte Helden einer Sportart fallen und ziehen das Vertrauen der Menschen mit ihnen herab. Das, was für den Hochleistungssport das Doping ist, ist beim Schach das Cheating, also das Betrügen mithilfe von Schachprogrammen, die heutzutage so gut geworden sind, dass jedes Handy besser spielen kann als der großartigste Spieler aller Zeiten. Wie man bei Online-Partien damit schummelt, sollte klar sein, aber geht so etwas auch über dem Brett, in Person?
Der größte Skandal der Schachgeschichte jemals begann im August 2022. Frisch aus der Pandemie heraus, fand der FTX Crypto Cup, ein Schnellschach Turnier, das zwar auf Computern, aber dennoch in Person gespielt wird, statt. Der beste Spieler aller Zeiten, der das Turnier auch mit abstand gewann, Magnus Carlsen, trat gegen den am schlechtesten Bewerteten Spieler des Turniers, Hans Niemann, an. Eigentlich war das Ergebnis schon klar, bevor die Partie überhaupt begann. Carlsen gegen jemand, den er aus 100 Partien vorrausichtlich 99-mal schlagen würde. Dazu spielte er auch noch mit Weiß, was noch einen gigantischen Vorteil auf diesem Level bringt. Doch zum Sieg kam es nicht. Niemann gewann! Entgegen aller Erwartungen, nur um direkt nach dem Spiel in einem Interview auf die Frage, wie es sich anfühlt, den besten Spieler aller Zeiten geschlagen zu haben, genervt „Chess speaks for itself“ (Schach spricht für sich selbst) zu antworten und dann, ohne eine weitere Frage zu beantworten, zu gehen. An sich erstmal nur ein wenig seltsam, aber das war nur der seichte Anfang.
Einen Monat darauf trafen beide wieder aufeinander. Beim Sinquefield Cup in der dritten Runde spielte Carlsen wieder mit Weiß. Diesmal allerdings war es eine Langzeit Partie. Wieder schien das Ergebnis klar zu sein. Zwar hatte Niemann ihn einen Monat zuvor überrascht, doch beim klassischen Schach war Carlsen 53 Partien lang ungeschlagen. Trotzdem gelang es Niemann wieder, ihn zu überspielen und letztlich zum Aufgeben zu bringen. Damit beendete er seine Serie und gab im Interview danach an, dass er genau die von Carlsen gespielte Eröffnung, wie durch ein Wunder, am selben Tag vorher noch studiert habe. Außerdem machte er sich über Carlsen lustig, dass er gegen einen so „schlechten“ Spieler wie ihn verloren habe. Carlsen allerdings zog sich überraschend aus dem Turnier zurück und postete auf damals Twitter eine indirekte Anschuldigung gegen Niemann, dass er betrogen habe. Dennoch könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr sagen, ohne gerichtliche Konsequenzen zu fürchten.
Niemann schafft es aber nicht unauffällig zu bleiben. Bei der Nachbesprechung einer der nächsten Partien wirkt es so, als hätte er seine extrem komplexe Stellung gar nicht analysiert und einfach zufällig den besten Zug gespielt, der selbst für seinen Gegner (Damaliger zweitbester Spieler der Welt) überraschend kam. Das war zwar verdächtig, aber noch nicht wirklich eindeutig. Danach gab er zu, zweimal Online gecheatet zu haben, als er 12 und 16 war, daraus aber gelernt habe und niemals, niemals über dem Brett, wenn es um Geld ging. Erstmal war Ruhe eingekehrt. Doch nicht für lange.
Nur einige Wochen später wurden beide wieder in einem Online Turnier gegeneinander gepaart. Der Schock: Magnus Carlsen gibt nach nur einem Zug auf! Die Spekulationen brachen aus. Hatte Niemann wirklich beim Sinquefield Cup gecheatet und wenn ja, wie? Eine klassische Methode wäre, sich die Position zu merken, aufs Klo zu gehen, wo man vorher ein Handy versteckt hat und den besten Zug nach zu schauen. Das konnte jedoch schnell ausgeschlossen werden. Das Internet allerdings kam auf eine ganz andere Idee, die auch die strikten Sicherheitsmaßnahmen ausgetrickst hätte: Niemann könnte sich vor dem Spiel einen Vibrator eingeführt haben, der ihm per Vibrationsmuster den besten Zug hätte vorhersagen können. Diese verrückte und zugegebener Maßen lustige Theorie, verneinte er jedoch genau so wie überhaupt geschummelt zu haben. Dennoch ließ Carlsen nicht locker. In einem weiteren Tweet erklärte er, dass Niemann während der Partie kaum konzentriert schien und unmenschlich gut spielte. Zusätzlich startete Chess.com eine Spurensuche, um herauszufinden, ob Niemann betrogen hatte. War das wirklich möglich?
Große Namen der Schachwelt meldeten sich zu Wort und alle war sich einig, dass er geschummelt haben muss. Belastend dazu kam noch der Bericht von Chess.com, der ergab, dass Niemann bei mehr als 100 Spielen auf ihrer Webseite gecheatet hatte! Darauf verklagte Niemann Sowohl Chess.com, als auch Magnus Carlsen und jeden, der sich gegen ihn gewendet hat, auf 100 Millionen Dollar wegen Rufmord! Die gesamte Situation nahm trotz den Anschuldigungen in beide Richtungen eine mehr oder weniger friedliche Wendung. Carlsen, Niemann und Chess.com trafen sich um das Thema auszudiskutieren. Carlsen, erklärte sich bereit, wieder gegen Niemann zu spielen, dieser ließ seine Klage fallen und Chess.com erlaubte ihm wieder auf ihrer Webseite zu spielen. Allerdings sind gar keine Informationen von diesem Treffen nach außen geflossen und es ergibt alles nicht wirklich Sinn. Wieso sollte Chess.com einen bekannten Cheater wieder auf ihre Plattform lassen? Wieso sollte Nieman die Klage fallen lassen? Vermutet Carlsen etwa nicht mehr, dass er betrogen wurde? Hat er geschummelt? Was weiß die Schach–Spitze, was wir nicht wissen?
Dieser Fall bleibt extrem undurchsichtig. Der Bericht von Chess.com legt statistisch richtig wieder, dass Nimann überdurchschnittlich viel Rating in dieser Zeit gewonnen hatte, allerdings wird nicht beachtet, dass er auch fast doppelt so viele Partien wie alle anderen Top-Player absolviert hatte. Dies ist nicht das einzige Beispiel dieser Art und handfeste Beweise gibt es schon gar nicht. Der Einzige, der sich zu 100% sicher sein kann, ob Hans Niemann betrogen hat, ist er selbst. Beide Möglichkeiten sind denkbar und dennoch waren sich eigentlich alle einig, dass er nicht mit fairen Mitteln gespielt hatte. Das ist das schwierige aber auch das faszinierende an dieser Kontroverse.
Auch wenn diese Auseinandersetzung größtenteils schädlich für die Schach Welt war und für viel Paranoia gesorgt hat, hatte sie auch ihre guten Seiten. Viele Leute waren so interessiert, dass sie auch angefangen haben Schach zu spielen und irgendwie war Schach für diese kurze Zeit mal wieder richtig interessant, weil man selber ein wenig miträtseln konnte. Man kann gespannt sein, ob noch weitere Indizien ans Licht kommen. Diese Kontroverse ist sicher noch nicht vorbei!
Vielen Dank fürs Lesen! Solltet ihr jetzt auch Lust bekommen haben Schach zu spielen könnt ihr gerne montags in der 7. Und 8. Stunde in Raum C1 bei der Schach AG vorbeikommen. Jeder ist willkommen! Jetzt wünsche ich euch aber erstmal schöne Osterferien (:


