Weimar und Buchenwald – ein Bericht

Carla

von Carla (Q2)

Die letzten Jahre musste die Weimarfahrt wegen Corona leider ausfallen. Umso schöner ist es, dass diese Tradition nun wieder aufgenommen wurde. Vom 05.05. auf den 06.05. fuhr der ganze zwölfte Jahrgang in diese Stadt, in der zwei Gegensätze aufeinanderprallen.

Den Freitag verbrachten wir mit Goethe und Schiller. Wir besichtigten Weimar, die Stadt, in der beide gelebt und gewirkt haben, waren im Goethe-Nationalmuseum und einige besuchten sogar noch sein Gartenhaus. Außerdem erhielten wir kursweise Führungen entweder durch Goethes oder Schillers Wohnhaus und erfuhren wichtige Dinge über ihre Tapeten, Einrichtungsgegenstände und Hintergärten.

In dieser Zeit war ich wie geblendet von Weimar. Die beschauliche, altertümliche Innenstadt mit den schönen Häusern und gepflasterten Straßen wirkte verträumt und unschuldig. Es fühlte sich surreal an, durch die Stadt zu bummeln, durch die schon die bekanntesten deutschen Dichter gebummelt sind. Wie eine Blase lag etwas über der Stadt, das ich nicht ganz fassen konnte.

Abends ging es dann ins Nationaltheater in Weimar. Wir hatten Karten für „Cabaret“, ein Musical, das im Berlin der Goldenen Zwanziger spielt. Und zugegebenermaßen war es ein sehr kurzweiliger Theaterbesuch, von den schrillen Kostümen und der dargestellten Clubszene Berlins über die tollen Schauspieler*innen bis hin zur Story des Musicals.

Genau diese Story hat mir aber auch deutlich gezeigt, warum wir die Kursfahrt überhaupt unternehmen. Denn wer sich in der deutschen Geschichte ein wenig auskennt, weiß, dass nach den Goldenen Zwanzigern die Weltwirtschaftskrise, der Aufstieg Hitlers und die Machtergreifung der Nationalsozialisten folgen. Das wurde auch in „Cabaret“ verarbeitet, sodass der Unterton des Musicals immer düsterer wurde.

Der erste Akt endete schließlich mit einem Standbild, das ich wahrscheinlich nie wieder vergessen werde: ein Schauspieler steht ganz vorne auf der Bühne, um seinen rechten Arm ist eine Hakenkreuzarmbinde geschlungen und er hat ihn zum Hitlergruß erhoben. Hinter ihm viele andere, die komplett regungslos mit starrer Mine, „gleichgeschaltet“ ins Publikum schauen. Dazu dröhnt ein deutsches Volkslied aus allen Lautsprechern. Der Eindruck dieser Szene hat noch lange in mir nachgehallt und mir wurde klar, warum Weimar ein so bedeutender Ort ist.

In wenigen anderen Städten prallen Kontraste deutscher Geschichte so stark aufeinander. Auf der einen Seite die Weimarer Klassik mit Goethe und Schiller, auf der anderen Seite Weimar als Hochburg der Nationalsozialisten, des Faschismus und des Antisemitismus. Und mir wurde auch klar, dass mir die Atmosphäre der Stadt genau deshalb so seltsam vorkam.

Am Samstag erhielten wir dann wieder eine Führung durch Schillers bzw. Goethes Wohnhaus, je nachdem, wo wir noch nicht waren. Der unwirkliche Eindruck der Stadt blieb.

Schließlich wurden wir von den Bussen abgeholt und fuhren einige Kilometer hinter die Stadtgrenzen. Unser Ziel war die Konzentrationslager Gedenkstätte Buchenwald. Auf dem Ettersberg bei Weimar waren in diesem Konzentrationslager zwischen 1937 und 1945 etwa 266.000 Menschen inhaftiert, von denen schätzungsweise 56.000 starben.

Die Atmosphäre in Buchenwald war ähnlich surreal wie in Weimar selbst, allerdings in die genau entgegengesetzte Richtung. Während ich in der Stadt damit beschäftigt war, Kunst und Kultur zu genießen, konnte ich nun nicht fassen, dass an diesem Ort wenige Kilometer weiter hunderttausenden Menschen größtes Leid zugefügt worden war.

Auf den Trümmern wuchsen Gras und Bäume, die Vögel zwitscherten und die Sonne schien vom strahlend blauen Himmel. Dennoch bekam ich eine Gänsehaut, als ich durch das Eisentor am Eingang trat, in dem die Worte „Jedem Das Seine“ geformt waren.

Auf dem Gelände selbst waren hauptsächlich Überreste der Baracken zu sehen, in denen die Inhaftierten untergebracht waren. Außerdem standen noch das Verwaltungsgebäude, ein weiteres Gebäude und das Krematorium. Der Zaun rundherum war ebenfalls zu großen Teilen erhalten und schloss das Lager an dem leicht abfallenden Hang komplett ein. Über allem thronte das Haupttor, von dem aus die Aufsicht über das KZ geführt worden war. Während der Befreiung durch die Amerikaner am 11. April 1945 war die Uhr dort angehalten worden, sodass sie heute noch 15:15 Uhr anzeigt.

Je länger ich über das Gelände lief, desto tiefer sackte die Erkenntnis über die Geschichte dieses Ortes. Ich erfuhr viel über die Schicksale Gefangener und das Leben im Lager. Die Gedenktafeln, die an die Opfer der Nationalsozialisten erinnerten, machten mich gleichzeitig unfassbar traurig und wütend. „Warum?“ war wohl die Frage, die ich mir am häufigsten stellte. Den Gefangenen hier war alles genommen worden. Familie, Freunde, Arbeit, Besitz, Alltag. Aber auch ihre Wünsche, Träume und Ziele. Und schließlich auch noch ihre Würde. Sie mussten unter unmenschlichsten Bedingungen hausen, wurden zur Arbeit für ein Regime gezwungen, das ihnen größtes Leid zugefügt hatte. Nicht wenige fanden schließlich den Tod. Einen Tod, der ihnen das letzte bisschen Menschsein absprach.

Diese Erkenntnis erschütterte mich und die Erinnerungen an Weimar und Buchenwald hallen bis heute nach. Diese zwei Kontraste der deutschen Geschichte direkt nebeneinander zu erfahren, hat mir geholfen zu verstehen, woher wir kommen. Welchen Weg wir als deutsches Volk bisher gegangen sind, aber auch, wohin wir gehen.

Der erste Artikel unseres Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Daran sollten wir uns alle immer erinnern.

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